Gott als die einfachste Erklärung des Universums

Swinburne, Richard, 2010, "Gott als die einfachste Erklärung des Universums", Logos 2, 52-87, http://fzwp.de/0003/, urn:nbn:de:0265-00034.

LOGOS
Freie Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie
http://fzwp.de, ISSN 1869-3423

Gott als die einfachste Erklärung des Universums*

Richard Swinburne**

Zusammenfassung

Unbelebte Erklärung ist durch Bezug auf Substanzen mit Fähigkeiten und Dispositionen, ihre Fähigkeiten unter bestimmen Umständen auszuüben, zu analysieren; personale Erklärung ist durch Bezug auf Personen, ihre Überzeugungen, Fähigkeiten und Absichten zu analysieren. Ein entscheidendes Kriterium dafür, daß eine Erklärung wahrscheinlich wahr ist, ist, daß sie die einfachste ist (unter den Erklärungen, welche die Daten erwarten lassen). Einfachheit besteht in der Annahme weniger Substanzen, weniger Arten von Substanzen, weniger Eigenschaften (einschließlich Fähigkeiten und Dispositionen), weniger Arten von Eigenschaften und mathematisch einfacher Beziehungen zwischen Eigenschaften. Die Erklärung der Existenz des Universums durch das Handeln Gottes bietet die einfachste Art von personaler Erklärung, die es geben kann, und einfacher als jede unbelebte Erklärung. Im Lichte neuer Herausforderungen verteidige ich diese Sicht gründlicher als bisher.

Abstract

Inanimate explanation is to be analysed in terms of substances having properties and liabilities to exercise their properties under certain conditions; while personal explanation is to be analysed in terms of persons, their beliefs, powers, and purposes. A crucial criterion for an explanation being probably true is that it is (among explanations leading us to expect the data) the simplest one. Simplicity is a matter of few substances, few kinds of substances, few properties (including powers and liabilities), few kinds of properties, and mathematically simple relations between properties. Explanation of the existence of the universe by the agency of God provides the simplest kind of personal explanation there can be, and one simpler than any inanimate explanation. I defend this view more thoroughly than previously in light of recent challenges.

1 Die zwei Arten der Erklärung

Über viele Jahre hinweg habe ich die Auffassung verteidigt, daß der Theismus eine wahrscheinlich wahre Erklärung der Existenz des Universums und seiner allgemeinsten Eigenschaften bietet.1 Ein Hauptgrund dafür ist, so habe ich behauptet, daß er einfacher als andere Erklärungen ist.2Der vorliegende Aufsatz möchte diese letztgenannte Behauptung im Lichte einiger neuer Herausforderungen erweitern und verteidigen.

Es gibt zwei Arten erklärender Hypothesen – unbelebte (oder naturwissenschaftliche) und personale. In einer unbelebten Erklärung erklären wir ein Ereignis durch eine Ausgangsbedingung (oder Ursache) C und eine Regelmäßigkeit oder ein Naturgesetz (N), so daß diese zusammen das herauskommende Ereignis erzwingen oder wahrscheinlich machen. Ein banales Beispiel: Wir erklären das Sich-Ausdehnen eines bestimmten Stück Eisens (E) durch „Das Eisen wurde erhitzt“ (C) und „Alle Eisenstücke dehnen sich aus, wenn sie erhitzt werden“. Wir erklären den derzeitigen Aufenthaltsort des Planeten Mars durch die Angabe der Aufenthaltsorte des Mars und der Sonne gestern und an vorangegangenen Tagen (C) und der drei Keplerschen Bewegungsgesetze. Daraus folgt der derzeitige Aufenthaltsort (E).

In einer personalen Erklärung erklären wir etwas durch eine Person (S) mit bestimmten Fähigkeiten (F), Überzeugungen (U) und Absichten (A). Unter einer „Absicht“ verstehe ich eine Absicht in einer Handlung (nicht eine „Absicht“ im Sinne eines Vorhabens, wie z.B. „Ich beabsichtige, morgen nach Würzburg zu fahren“); eine absichtliche Handlung ist eine Handlung, in der die Person das hervorbringt, was sie hervorzubringen die Absicht hat. Wir erklären die Bewegung meiner Hand (E) durch Verweis auf folgendes: mich (S); meine Fähigkeit, meine Hand zu bewegen (F); meine Absicht, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen (A); und meine Überzeugung, daß die Bewegung meiner Hand dies bewirkt (Ü). Und wir erklären die Absichten von Menschen durch die Angabe ihrer Wünsche (W) und Überzeugungen (Ü). Unter einem „Wunsch“ verstehe ich eine Art Disposition, bestimmte Absichten zu bilden, welche wir in uns vorfinden und welche die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß wir diese Absichten bilden werden. Unter unseren Überzeugungen sind moralische Überzeugungen darüber, welche Handlungen gut sind. Moralische Überzeugungen motivieren uns, sie machen uns geneigt, die betreffende Handlung zu tun, aber manchmal motivieren sie uns nicht so stark wie nicht-rationale Wünsche. Manchmal müssen wir also dazwischen wählen, ob wir eine Absicht bilden, in welcher wir einem Wunsch nachgeben, etwas zu tun, was schlecht ist, oder eine Absicht, in der wir das Gute trotz eines widerstreitenden Wunsches verfolgen.

Es gibt zwei verschiedene Auffassungen unbelebter Erklärung, beruhend auf zwei verschiedenen Auffassungen der Naturgesetze, d.h. dessen, was wir behaupten, wenn wir behaupten, daß „Alle Eisenstücke dehnen sich bei Erwärmung aus“ oder (was vielleicht ein realistischeres Beispiel ist) „Alle Photonen bewegen sich im Vakuum mit Geschwindigkeit c relativ zu allen Intertialsystemen“ Naturgesetze seien. Mir scheint, wir können heute umgehend die Humesche Auffassung verwerfen, daß sie nur Behauptungen über tatsächliche Geschehnisse seien: jedes Eisenstück dehnte sich in der Vergangenheit bei Erwärmung, und jedes Eisenstück wird sich in der Zukunft bei Erwärmung ausdehnen. Denn es gibt eine von der Humeschen Auffassung nicht erfaßte physische Notwendigkeit in der Geltung von Naturgesetzen. Es bleiben zwei ernstzunehmende Möglichkeiten. Die erste ist, daß Gesetze reale, von den Substanzen (physischen Gegenständen) verschiedene Dinge sind, die bestimmen, wie sich diese Substanzen verhalten. Nach der derzeit diskutierten Version dieser Auffassung sind Naturgesetze Beziehungen zwischen Universalien (d.h. Eigenschaften, die in vielen verschiedenen Substanzen instantiiert sein können); „Eisen“, „ausdehnen“ und „wärmer werden“ sind Universalien, welche so verknüpft sind (und das muß man als eine Verknüpfung in einem platonischen Himmel auffassen), daß etwas, das „Eisen“ und „wärmer werden“ instantiiert, unausweichlich auch „ausdehnen“ instantiiert. Diese Auffassung, die von Armstrong und anderen vertreten wird,3 nenne ich die BZU-Theorie (Beziehungen zwischen Universalien). Also erklären wir das Verhalten einer bestimmten Substanz durch etwas außerhalb von ihr, welches auch das Verhalten anderer Substanzen bestimmt – z.B. anderer Eisenstücke.

Die Alternative zur BZU-Auffassung ist die Substanzen-Fähigkeiten-Dispositionen-Theorie (SFD). Dies war die normale Auffassung im antiken und mittelalterlichen Denken, und Varianten davon wurden kürzlich von Harré und Madden (1975) und von Brian Ellis (2001) verteidigt. Nach der SFD-Theorie sind die grundlegenden Naturgesetze kausale Gesetze; und diese handeln nicht (wie Hume annahm) davon, was tatsächlich geschieht, sondern von den kausalen Fähigkeiten von Substanzen einer bestimmten Art und ihren Dispositionen (entweder mit physischer Notwendigkeit oder mit einer bestimmten physischen Wahrscheinlichkeit), diese auszuüben. Daß „Alle Eisenstücke dehnen sich bei Erwärmung aus“ ein Naturgesetz ist, besteht demnach darin, daß jedes Eisenstück die Fähigkeit zur Ausdehnung hat und die Disposition (mit physischer Notwendigkeit), dies bei Erwärmung zu tun. Die Keplerschen Gesetze sind Verallgemeinerungen über die Fähigkeiten der Planeten, sich auf bestimmte Weisen zu bewegen, und ihre Dispositionen, dies unter bestimmten Umständen zu tun. Es ist etwas Kontingentes, daß die Dinge in einige wenige Arten fallen, welche sich durch ihre Fähigkeiten und Dispositionen sowie durch andere Eigenschaften unterscheiden. Dies liegt letztlich an der Tatsache, daß ihre Bestandteile Fundamentalteilchen (Substanzen wie z.B. Elektronen und Quarks) sind, die in einige sehr wenige Arten fallen, welche sich voneinander durch ihre Masse, Ladung, Spin usw. unterscheiden; wobei diese letzteren – zumindest teilweise – durch die Fähigkeiten und Dispositionen der Teilchen analysierbar sind.

Obwohl ich meine, daß das Hauptargument dieses Aufsatzes mit beiden Theorien der unbelebten Erklärung formuliert werden kann, werde ich, um den Aufsatz nicht zu lang werden zu lassen, annehmen, daß die SFD-Theorie die richtige ist. Ein erster Grund für die Ablehnung von BZU ist die Unplausibilität eines platonischen Himmels mit Universalien, welche das Verhalten der Dinge in der Welt beeinflussen. Ein weiterer Grund ist, daß SFD eine einheitlichere Auffassung von Erklärung ermöglicht.4 Denn gemäß SFD verweist jede Erklärung auf Substanzen (entweder Personen oder unbelebte Dinge) und ihre Fähigkeiten. Ich nehme an, daß ein unbelebtes Ding physisch (d.h. öffentlich) ist. Der Unterschied zwischen den beiden Arten von Erklärung besteht nun darin, daß unbelebte Dinge Dispositionen haben, (unausweichlich oder mit einer bestimmten physischen Wahrscheinlichkeit) diese Fähigkeiten unter bestimmten Umständen auszuüben und damit Wirkungen zu verursachen, während Personen ihre Fähigkeiten, Wirkungen zu verursachen, absichtlich ausüben, im Lichte von Überzeugungen darüber, wozu die Ausübung einer bestimmten Fähigkeit führen wird, und im Lichte der Absichten, welche sie verfolgen. Die Erklärung eines Ereignisses besteht nun (im unbelebten Falle) im Eintreten von Umständen, unter welchen eine oder einige Substanzen dispositioniert war, bestimmte Fähigkeiten auszuüben. Daß sich ein Eisenstück bei Erwärmung ausdehnte, wird dadurch erklärt, daß es (S) die Fähigkeit zur Ausdehnung (F) und die Disposition, diese Fähigkeit bei Erwärmung auszuüben (D), hatte, und daß es erwärmt (C) wurde. Genau genommen ist kein Gesetz „Alle Eisenstücke dehnen sich bei Erwärmung aus“ Teil der Erklärung. Das „Gesetz“ ist eine bloße Beschreibung der Fähigkeiten usw. aller Eisenstücke, welche nur relevant ist, weil aus ihr die Fähigkeiten dieses Eisenstückes folgen. Die Erklärung eines Ereignisses durch eine personale Erklärung verweist nur auf S, F, Ü und A; obwohl alle diese Faktoren selbst eine unbelebte Erklärung haben könnten (soweit sie eine Erklärung haben) – z.B. Ü könnte erklärt werden durch die Disposition (D) von S, unter bestimmten Umständen, welche tatsächlich eingetreten sind, eine Überzeugung einer bestimmten Art zu haben; und A könnte erklärt werden durch den Wunsch von S, so eine Absicht zu bilden, welcher eine Disposition (zumindest mit physischer Wahrscheinlichkeit) ist, dies zu tun.

2 Die Kriterien richtiger Erklärung

Eine Erklärungsthese (oder -theorie) wird durch Daten (Indizien) als wahrscheinlich wahr erwiesen insofern gilt:

  1. das Eintreten der Indizien ist wahrscheinlich, wenn die Hypothese wahr ist, und unwahrscheinlich, wenn die Hypothese falsch ist;
  2. die Hypothese paßt zum Hintergrundwissen (d.h. sie paßt zu Hypothesen, welche außerhalb ihrer Reichweite sind und welche durch Indizien gemäß den anderen Kriterien wahrscheinlich sind);
  3. die Hypothese ist einfach;
  4. die Hypothese hat eine geringe Reichweite.5

Die Reichweite einer Hypothese hängt davon ab, wie viel sie über die Welt behauptet, also von dem Ausmaß und der Genauigkeit ihrer Behauptungen. (3) und (4) sind interne Eigenschaften einer Hypothese, unabhängig von ihrer Beziehung zu Indizien, und legen also die Ausgangswahrscheinlichkeit fest (die Wahrscheinlichkeit vor der Berücksichtigung der Indizien). Obwohl eine Hypothese desto unwahrscheinlicher ist, je mehr sie behauptet (das sagt das Kriterium der Reichweite), ist die Einfachheit wichtiger als die Reichweite. Naturwissenschaftler erachten eine Theorie riesiger Reichweite (das ganze Universum betreffend) für wahrscheinlich, wenn sie relativ einfache Naturgesetze enthält. Vielleicht gibt es kein relevantes Hintergrundwissen, dann fällt Kriterium (2) aus. Ein solcher Fall ist eine Hypothese, die eine sehr große Reichweite hat (sie behauptet, sehr viel zu erklären), so daß es wenige Indizien zu Gebieten außerhalb ihrer Reichweite gibt. Bei umfangreichen Theorien gleicher Reichweite, wie dem Theismus und anderen Erklärungen dafür, weshalb es ein Universum wie das unsere gibt, hängt die relative Wahrscheinlichkeit nur von den Kriterien (1) und (3) ab; und bei Theorien, welche uns die Indizien mit der gleichen Wahrscheinlichkeit erwarten lassen (d.h. die Kriterium (1) gleichgut erfüllen), hängt sie nur von Kriterium (3) ab. Lassen Sie mich zwei Beispiele geben – eines für jede Art der Erklärung –, welche veranschaulichen, wie unter Theorien, welche die anderen Kriterien gleichgut erfüllen, die einfachste Theorie (einfach in einem intuitiven Sinne, den es noch genauer zu analysieren gilt) die wahrscheinlichste ist.

Stellen Sie sich vor, Sie fänden unter in einer alten Bibliothek aufgetauchten Blättern drei Seiten mit einem anscheinend zusammenhängenden Argument in einer ähnlichen Handschrift. Eine Hypothese ist, daß dieselbe Person alle drei Seiten geschrieben hat. Eine andere Hypothese ist, daß jede Seite von einem anderen Philosophen geschrieben wurde; alle drei Philosophen hatten eine ähnliche Handschrift und haben sich unabhängig von einander dasselbe Argument ausgedacht und niedergeschrieben; aber nur die erste Seite des Textes des ersten Philosophen, die zweite Seite des Textes des zweiten Philosophen und die dritte Seite des Textes des dritten Philosophen ist erhalten geblieben. Diese zwei Hypothesen haben die gleiche Reichweite: Sie sagen uns, wer diese Seiten geschrieben hat; und sie lassen die Daten mit gleicher Wahrscheinlichkeit erwarten. Doch außer wenn es relevantes Hintergrundwissen gibt, ist die erste Hypothese offensichtlich wahrscheinlicher, weil sie nur eine und nicht drei Personen als Schreiber dieser Seiten annimmt.

Ein zweites Beispiel: Stellen Sie sich eine Theorie vor, welche die bisher beobachteten astronomischen Indizien ebenso wahrscheinlich macht wie die allgemeine Relativitätstheorie. Die allgemeine Relativitätstheorie tut dies (gemäß der SFD-Theorie), indem sie Sternen in Abhängigkeit von der Struktur der Raum-Zeit-Region, in welcher sie sich befinden, bestimmte Fähigkeiten und Dispositionen, diese auszuüben, zuschreibt; und sie sagt kraft derselben Fähigkeiten und Dispositionen weitere Beobachtungen morgen voraus. Die konkurrierende Theorie behauptet, daß die Dispositionen dieser Dinge, ihre Fähigkeiten auszuüben, auf eine andere Weise als heute von der Struktur ihrer Raum-Zeit-Region abhängen werden, wenn die Ausdehnung des Universums zu einem bestimmten durchschnittlichen Abstand der Galaxien von einander (den sie morgen erreichen werden) führen wird. Die allgemeine Relativitätstheorie ist wahrscheinlicher als ihr Konkurrent, weil (mit Bezug auf Naturgesetze ausgedrückt) sie nur aus einer einzigen Gruppe komplizierter Gleichungen besteht und somit einfacher als ihr Konkurrent ist, der aus einer Konjunktion zweier Gruppen komplizierter Gleichungen besteht. Es zeigt sich also wieder, daß Einfachheit ein Indiz für Wahrheit ist. Betrachten wir ferner Theorien, welche die allgemeine Relativitätstheorie stützen, weil sie zu ihnen paßt. Wenn Einfachheit kein Indiz für Wahrheit wäre, dann wären diese Theorien genauso wahrscheinlich wie entsprechende kompliziertere Konkurrenten von ihnen. Der Konkurrent der allgemeinen Relativitätstheorie würde aber besser zu diesen komplizierteren Konkurrenten passen. Wiederum wären also die allgemeine Relativitätstheorie und ihr Konkurrent bei den gegebenen Indizien gleichermaßen wahrscheinlich. Das sind sie aber nicht, und das liegt an der entscheidenden Rolle des Kriteriums der Einfachheit.

3 Das Wesen der Einfachheit

Die sich aus der Annahme der SFD-Theorie der Naturgesetze ergebende Angleichung unbelebter Erklärung an personale Erklärung ermöglicht es, Kriterien für Einfachheit anzugeben, welche für beide Erklärungsarten gelten. Sehen wir uns also an, worauf das Kriterium der Einfachheit hinausläuft, wenn es auf diese Weise als Indiz für Wahrheit angenommen wird. Es besteht aus mehreren Unterkriterien.

Erstens: weniger Gegenstände (Substanzen). Astronomen nehmen keinen zusätzlichen Planeten an, es sei denn, ihre Daten werden dadurch wahrscheinlicher. Und der Geschichtsforscher in meinem obigen Beispiel nimmt so wenige Texte schreibende Philosophen wie möglich an. Was ist ein einziger Gegenstand im Gegensatz zu zwei Gegenständen? Gegenstände brauchen eine gewisse kausale Einheit; sie kleben zusammen. Doch ob die Teile eines physischen Dinges zusammenkleben, ist eine Frage des Grades, und es ist nicht immer eindeutig, wo zwei Gegenstände und nicht nur einer vorliegen. (Für manche Zwecke kann man einen Doppelstern als einen einzigen Gegenstand auffassen, für andere Zwecke muß man ihn als zwei Gegenstände auffassen.) Aber ein Gegenstand, der keine Teile hat, ist eindeutig ein einziger Gegenstand; und zwar ein sehr einfacher.

Zweitens: weniger Eigenschaften, die Gegenständen zugeschrieben werden. Postuliere keine neue Eigenschaft eines Fundamentalteilchens (z.B.), außer wenn sich daraus ein Gewinn an Erklärungskraft ergibt. Wiederum hängt die Anwendung dieses Unterkriteriums davon ab, wie man Eigenschaften zählt. Eine durch Ähnlichkeit zu Musterbeispielen definierte Eigenschaft, wie „grün“ oder „Masse“, zählt als eine einzige Eigenschaft; Eigenschaften, die als Konjunktionen oder Disjunktionen solcher Eigenschaften definiert sind (oder durch kompliziertere probabilistische Beziehungen zu solchen Eigenschaften), zählen als zwei oder mehr Eigenschaften. Es folgt aus diesem Unterkriterium, daß eine Hypothese um so einfacher ist, je besser die von ihr postulierten Eigenschaften der Beobachtung (oder allgemeiner der Erfahrung) zugänglich sind. Dies läßt sich durch das wohlbekannte philosophische Beispiel zweier Theorien der Farben von Smaragden veranschaulichen. „Alle Smaragde sind grün“ und „Alle Smaragde sind glau“ (wobei „glau“ bedeutet „grün vor dem Jahr 2050 n.Chr. oder blau danach“) machen beide die Daten über die Farben von Smaragden heute (im Jahr 2010) gleichermaßen wahrscheinlich. Aber die Theorie „Alle Smaragde sind grün“ ist wahrscheinlicher als „Alle Smaragde sind glau“, und das liegt daran, daß „glau“ durch Bezug auf eine zugängliche Eigenschaft (grün) und eine andere Eigenschaft (das Datum, dessen Definition mit Bezug auf Zugänglichkeit sicherlich eine gewisse Komplexität hat) definiert ist.6 Es gibt aber keine Garantie dafür, daß die zwei auf verschiedene Weisen individuierten Eigenschaften immer zusammenfallen werden. Wir haben keinen Zugang zu der Eigenschaft, glau* zu sein, deshalb können wir sie nicht in unseren Erklärungen verwenden.

Zu den Eigenschaften der Gegenstände zählen deren Fähigkeiten und Dispositionen, Absichten und Überzeugungen. In Erklärungen menschlichen Verhaltens müssen wir Menschen so wenige und so zugängliche Eigenschaften zuschreiben, wie dazu nötig ist, um ihr Verhalten als wahrscheinlich zu erweisen. Und wir müssen ihnen so wenige und so zugängliche Wünsche und moralische Überzeugungen zuschreiben, wie genügt, um ihre Absichten (zumindest teilweise) zu erklären; und so wenige und so zugängliche Dispositionen, Überzeugungen zu bilden, wie genügt, um ihre moralischen und anderen Überzeugungen zu erklären. Das will ich mit Bezug auf Fähigkeiten veranschaulichen. Jemand könnte (soweit wir sehen absichtlich) an einem Tag einen Kilometer von A nach B mit 5 km/h und an einem anderen Tag zwei Kilometer von C nach D mit 5 km/h gehen. Wir würden sein Verhalten am ersten Tag nicht einfach durch die Annahme erklären, daß er die Fähigkeit hat, am ersten Tag einen Kilometer weit mit 5 km/h zu gehen, und sein Verhalten am zweiten Tag nicht einfach durch die Annahme, daß er die Fähigkeit hat, an jenem Tag zwei Kilometer weit mit 5 km/h zu gehen. Vielmehr würden wir beides durch die Annahme erklären, daß er eine Zeitlang die Fähigkeit hat, mindestens zwei Kilometer am Tag mit 5 km/h zu gehen. Da die beiden vorher genannten Fähigkeiten aus einer ebenso zugänglichen Eigenschaft folgen, schreiben wir der Person diese zu; und daher glauben wir, daß die Person kraft der allgemeineren Fähigkeit bei anderen Gelegenheiten mindestens zwei Kilometer mit 5 km/h gehen können wird. Und so versuchen wir, Menschen so wenige und so zugängliche Fähigkeiten zuzuschreiben, wie ausreichen, um ihr Verhalten zu erklären. Ebenso ist es bei unbelebten Dingen. So schreiben wir z.B. Elementarteilchen so wenige Kräfte (d.h. Fähigkeiten, auf andere Substanzen zu wirken) zu wie möglich.

Wenn unbelebte Dinge ihre Fähigkeiten ausüben, erklären wir das durch ihre Dispositionen, diese Fähigkeiten auszuüben. Auch Dispositionen sind um so einfacher, je weniger (zugängliche) Eigenschaften wir verwenden, um sie zu unterscheiden. Eine Fähigkeit einer Substanz ist eine Fähigkeit, verschieden große Wirkungen auszuüben; und eine Disposition ist eine Disposition, eine Fähigkeit auszuüben, genauer gesagt einen bestimmten Grad dieser Fähigkeit unter bestimmten kontingenten Umständen auszuüben. Ein Körper kann mehr oder weniger Gravitationskraft auf einen anderen Körper ausüben, wobei die Disposition, dies zu tun, abhängt von seiner Masse, von der Masse des anderen Körpers und von dem Abstand der Körper. Eine Erklärung ist einfacher, je einfacher die mathematischen Beziehungen zwischen den Graden der verschiedenen Eigenschaften und Dispositionen sind, und je einfacher die mathematischen Entitäten sind, welche in der Beschreibung der Beziehungen genannt werden. So eine Beziehung oder Entität A ist einfacher als eine andere, B, wenn A ohne Bezug auf B definiert ist und so verstanden werden kann, aber umgekehrt die Definition von B auf A Bezug nimmt. Aus diesem Grunde ist Multiplikation eine kompliziertere Beziehung als Addition und Potenzierung ist komplizierter als Multiplikation, Vektoren sind komplizierter als Skalarzahlen, große endliche ganze Zahlen sind komplizierter als kleine (man kann „5“ nur als „4+1“ verstehen, aber man kann „4“, „+“ und „1“ verstehen, ohne „5“ zu verstehen); und (wie der Name schon sagt) komplexe Zahlen sind komplizierter als reelle Zahlen, reelle Zahlen sind komplizierter als rationale Zahlen, rationale Zahlen sind komplizierter als ganze Zahlen. Eine Erklärung des von einem Gas auf die Wände des Behältnisses ausgeübten Druckes ist daher einfacher, wenn sie eine Abhängigkeit nur von drei anderen Größen (dem Volumen des Behältnisses, der Temperatur des Gases und einer zu dieser Art Gas gehörigen Konstanten) statt vieren behauptet. Sie ist einfacher, wenn die Beziehung zwischen den Variablen nur Multiplikation verwendet, wie in der allgemeinen Gasgleichung pv = KT, und nicht Exponentialfunktionen, Logarithmen und Quadratwurzeln, z.B. p = logevk-1/2T². Wenn Gesetze beider Art die beiden ersten Kriterien gleichgut erfüllten, wäre ein Gesetz der ersten Art wahrscheinlicher als eines der zweiten Art. Denn Exponentialfunktionen, Logarithmen und Potenzen sind durch Multiplikation definiert (und können so verstanden werden), aber nicht umgekehrt. So ist auch ein Gravitationsgesetz F = mm'/r² einem Gesetz F = mm'/r2,0000000000001 vorzuziehen, wenn beide die Daten (aus begrenzt genauen Messungen) gleichgut erklären.

Ebenso verhält es sich mit Absichten, Wünschen und Überzeugungen. Eine Absicht, nach London zu reisen, und eine Absicht, das Fallschirmspringen zu erlernen, sind verschiedene Absichten. Aber die Absicht, das erste Kapitel meines Buches zu schreiben, und die Absicht, das zweite Kapitel meines Buches zu schreiben, sind ableitbar aus einer gleichermaßen zugänglichen Absicht, mein Buch zu schreiben; und aus diesem Grunde sollte aufgrund des Indizes, daß ich das erste und dann das zweite Kapitel geschrieben habe, und in Abwesenheit widersprechender Indizien auf mich die einfachere und allgemeinere Beschreibung angewandt werden. Wir schreiben Personen andauernde zugängliche Wünsche zu (die sich mit den Umständen, die zu geeigneten Zeiten Absichten hervorrufen, auf eine mathematisch einfache Weise ändern – z.B. einen Wunsch zu essen, welcher zunimmt, wenn die Person lange nichts gegessen hat, und nach dem Essen abnimmt.) Ebenso ist es einfacher, viele meiner Überzeugungen durch so allgemeine Dispositionen zu erklären wie die Disposition (zumindest mit einer hohen physischen Wahrscheinlichkeit), zu glauben, was mir gesagt wird, und Überzeugungen über den Ort von Gegenständen meines Gesichtsfeldes zu bilden, als durch besondere Dispositionen für jede Überzeugung. Und Fähigkeiten, Überzeugungen, Absichten, Wünsche und Dispositionen sind leicht zugängliche Eigenschaften.

Ich fasse zusammen: Hypothesen personaler und unbelebter Erklärung (unter der Annahme der SFD-Theorie) sind einfacher, wenn sie weniger Substanzen, weniger (zugängliche) Eigenschaften (einschließlich Fähigkeiten und Dispositionen) und mathematisch einfachere Beziehungen zwischen diesen (einschließlich mathematisch einfacherer Zahlen in ihren Beschreibungen) postulieren. Diese Züge der Einfachheit sind Züge der Einfachheit der tatsächlichen Bestandteile (Substanzen, Eigenschaften und die Beziehungen zwischen diesen) einer Erklärung eines Phänomens unabhängig davon, ob sie in anderen, ähnlichen Substanzen ebenfalls wirken.

4 Natürliche Theologie

Natürliche Theologie probabilistischer Ausrichtung behauptet, daß die einfachste Erklärung der Existenz des Universums und seiner allgemeinsten Merkmale ist, daß sie durch Gott verursacht sind. Zu diesen allgemeinsten Merkmalen gehört, daß einfache Naturgesetze allgemein gelten (d.h., im Rahmen der SFD-Theorie ausgedrückt, daß sich jeder physische Gegenstand auf genau dieselbe einfache Weise verhält, die in den einfachen Natur-„Gesetzen“ beschrieben wird), daß diese Gesetze und die Ausgangsbedingungen (oder Grenzbedingungen) des Universums die Existenz menschlicher Körper erlauben, und daß es Menschen mit Bewußtsein gibt, denen eine begrenzte Menge Leid widerfahren kann und die eine gewisse Fähigkeit haben, dieses zu tragen oder zu lindern. (Unter den „Grenzbedingungen“ des Universums verstehe ich die allgemeinen Merkmale des Universums, welche, zusätzlich zu den durch die „Naturgesetze“ erfaßten, für die Möglichkeit der Entwicklung menschlicher Körper nötig waren, wenn das Universum keinen Anfang hatte. Zum Beispiel das Vorhandensein von genügend Materie-Energie.) Diese allgemeinen Merkmale – sie sind die Indizien oder Daten des natürlichen Theologen –, beschrieben gemäß der SFD-Theorie, sind die Existenz einer riesigen Zahl von Substanzen, welche sich alle auf dieselbe einfache Weise verhalten, so daß sie irgendwo irgendwann die einer gewissen Menge Leid ausgesetzten Körper von Menschen mit Bewußtsein hervorbringen. Die natürliche Theologie muß deshalb behaupten, daß die Hypothese des Theismus (daß es einen Gott gibt) die oben beschriebenen Kriterien richtiger Erklärung besser als jede konkurrierende Erklärung erfüllt. Wie gesagt, hängt dies für sehr weitreichende Theorien wie dem Theismus und seinen Konkurrenten nur davon ab, wie gut sie die Kriterien (1) und (3) erfüllen.

Kriterium (1) ist erfüllt, insoweit die Evidenz wahrscheinlich ist, wenn die Hypothese wahr ist, und unwahrscheinlich, wenn die Hypothese falsch ist. An anderer Stelle7 habe ich mit einiger Ausführlichkeit dargelegt, daß, wenn es einen Gott gibt, es ziemlich wahrscheinlich ist, daß er die Existenz von Menschen mit Körpern in Umständen hervorbrächte, wie wir sie auf der Erde vorfinden (einschließlich einer begrenzten Menge Leid und die Möglichkeit, es zu ertragen oder zu lindern), und damit, daß er jene eben beschriebenen Merkmale des Universums hervorbrächte, welche notwendige Bedingungen für die Existenz solcher Lebewesen sind. Das liegt daran, daß Gott als ein vollkommen guter Gott anstreben wird, gute Dinge hervorzubringen; Menschen sind einzigartige gute Dinge, die – anders als Gott – die Fähigkeit haben, wirksam zwischen (begrenztem) Gut und Böse zu wählen. Daher ist es recht wahrscheinlich, daß Gott sie hervorbringen wird. Doch Menschen können nur dann wirksame Wahlentscheidungen treffen (welche Folgen haben), wenn sie mit einem Körper in einem geordnete Universum leben, wo sie die Wirkungen ihrer Handlungen vorhersagen können, und dazu gehört zumindest ein Universum mit vielen Substanzen weniger Arten (Protonen, Elektronen, etc.) mit einfachen Fähigkeiten und Dispositionen.

Doch natürlich gibt es unzählige andere logisch mögliche Hypothesen, welche Kriterium (1) ebenso gut erfüllen, sowohl Hypothesen mit vielen oder schwächeren Göttern als auch naturwissenschaftliche Hypothesen, welche besagen, daß die Anfangsbedingungen des Universums und seine Naturgesetze grundlegend seien und keine weitere Erklärung (z.B. durch die Annahme, daß Gott diese hervorgebracht hat) hätten und schließlich die Existenz bewußter Wesen verursachten. Mein Vorhaben im vorliegenden Aufsatz ist jedoch nur, zu untersuchen, wie gut verschiedene solche Hypothesen das andere relevante Kriterium erfüllen, Kriterium (3), das Kriterium der Einfachheit. Im folgenden werde ich vor dem Hintergrund meiner Analyse dieses Kriteriums untersuchen, wie gut der Theismus das Kriterum der Einfachheit erfüllt, und wie gut jede konkurrierende Hypothese personaler oder unbelebter (naturwissenschaftlicher) Art, welche das Kriterium (1) in beträchtlichem Maße erfüllt, auch das Kriterium der Einfachheit erfüllt.

5 Die Einfachheit Gottes

Die einfachste Art der Erklärung der Merkmale, welche ich beschrieben habe, wird auf eine erste Substanz (sei es eine erste Portion Materie-Energie oder ein persönlicher Schöpfer) Bezug nehmen, welche kraft ihrer Fähigkeiten und Dispositionen oder kraft ihrer Fähigkeiten, Überzeugungen und Absichten die vielen Substanzen einiger sehr weniger Arten mit ihren Fähigkeiten und Dispositionen verursacht. Wenn das Universum einen Anfang hatte, dann wäre die „erste Substanz“ eine Substanz, welche das Auftreten des Universums und seine Entwicklung in diese Vielheit vor einer endlichen Anzahl von Jahren verursacht hat. Doch wenn das Universum immer existiert hat, dann wäre diese „erste Substanz“ eine, welche immerwährend diese Vielheit von Substanzen samt ihren Fähigkeiten zu jedem Zeitpunkt im Sein erhält. Der Theismus (so, wie er von der christlichen und ähnlichen Religionen verstanden wird) postuliert eine Person als die Ursache des Universums und bietet so eine personale Erklärung seiner Existenz. Diese Person wird oft „Gott“ genannt; obwohl wir im Falle der christlichen Tradition die erste Substanz als „Gott, den Vater“ ansehen müssen, der gemäß dem Christentum unausweichlich von aller Ewigkeit her die anderen beiden Glieder der Dreifaltigkeit hervorbringt.8 Andere theistische Religionen haben dieses Merkmal natürlich nicht. Können also die traditionellen Eigenschaften Gottes so aufgefaßt werden, daß diese einzigartige persönliche Substanz, welche ich in Zukunft einfach „Gott“ nennen werde, eine einfache Substanz und die einfachste Substanz ist, welche diese erklärende Rolle erfüllen kann?

Gott ist eine einzige Person. Daher ist der Theismus unausweichlich eine einfachere Theorie als der Polytheismus. Um überhaupt eine Person zu sein, muß eine Substanz über einen Zeitraum hinweg leben, sie muß einige Fähigkeiten (absichtliche Handlungen durchzuführen), einige Wahlmöglichkeiten (seien sie frei oder nicht) zwischen Handlungen und einige wahre Überzeugungen haben. Sie wird einige wahre Überzeugungen über ihre Handlungsfähigkeiten haben; sonst wird sie nicht in de Lage sein, etwas absichtlich hervorzubringen. Ich werde annehmen, daß es keine zeitlose Person geben kann, und damit, daß eine Person, die existiert, an Zeitmomenten existiert und ihre Eigenschaften hat.9 Wenn es so eine Person geben könnte, dann wäre die einfachste Art Person eine immerwährende, allmächtige, allwissende und vollkommen freie Person, eine Person, deren Lebenslänge, Macht, wahren Überzeugungen10 und Wahlfreiheit keinen Beschränkungen unterliegen; oder genauer gesagt keinen Beschränkungen außer denen der Logik, da jede Beschreibung dessen, welche all dies ausbuchstabiert, widerspruchsfrei sein muß. Eine Person ist immerwährend, wenn sie zu jeder Zeit existiert; allmächtig, wenn sie alle Handlungen tun kann; allwissend, wenn sie alle wahren Überzeugungen hat; vollkommen frei, wenn sie keinen nicht-rationalen Wünschen ausgesetzt ist, welche beeinflussen, was sie zu tun wählt. Die Begriffe der Zeitlänge, Handlungsfähigkeit, Überzeugung, Wahl und Einfluß auf eine Wahl sind maximal zugänglich; wir sind mit Musterbeispielen dieser Eigenschaften vertrauter als mit beinahe allen anderen Eigenschaften. Die Begriffe „alle“ oder „unbegrenzt“ (d.h. keine (null) Begrenzungen haben) sind zugänglicher als Begriffe bestimmter großer Zahlen. Daher sind die Eigenschaften, immerwährendes Leben zu haben, grenzenlose Macht zu haben, alle wahren Überzeugungen zu haben und keinen kausalen Einflüssen auf Entscheidungen ausgesetzt zu sein, weit zugänglicher als die Eigenschaften, eine bestimmte große Zahl von Jahren zu leben, ein bestimmtes großes Maß an Macht zu haben, eine bestimmte große endliche Zahl überwiegend wahrer Überzeugungen zu haben und einigen wenigen nicht-rationalen Wünschen ausgesetzt zu sein.

Eine Person P ist allmächtig zur Zeit t gdw [d.h. genau dann, wenn] sie den größtmöglichen Grad logisch möglicher Macht hat. Ich halte dafür, daß dies auf folgendes hinausläuft: Er ist fähig, zu t absichtlich jeden Sachverhalt hervorzubringen, für den es logisch möglich ist, daß jemand ihn zu t hervorbringt (und aus seiner Beschreibung folgt nicht, daß P ihn nicht zu t hervorgebracht hat).11 Doch der Begriff einer Handlungsfähigkeit oder einer Fähigkeit, eine absichtliche Handlung zu tun, ist etwas unklar. Man sagt, daß jemand eine Macht oder eine Fähigkeit hat, während er schläft, was bedeutet, daß er sie ausüben könnte, wenn er wach wäre und dies versuchte. Man könnte sagen, daß jemand die Fähigkeit hat, Französisch zu sprechen, weil er es lernen könnte, wenn er es versuchte; oder sogar, daß er aus dem gleichen Grunde die Fähigkeit hat, Gälisch zu sprechen, sogar wenn er nicht glaubt, daß es eine Sprache wie Gälisch gibt. Aber eindeutig hat er die Fähigkeit im vollsten Sinne, wenn er sie durch Willensentscheidung ausüben kann, wenn er bei Bewußtsein ist und wenn er weiß, daß er sie durch Willensentscheidung ausüben kann; nur sein Wille hält ihn davon ab, sie sofort auszuüben. Allmacht als das größtmögliche Maß an Macht sollte als äquivalent zum folgenden konstruiert werden: Eine Person P ist allmächtig gdw er sich aller Sachverhalte bewußt ist, für welche es logisch möglich ist, daß jemand sie hervorbringt (und aus deren Beschreibung nicht folgt, daß P sie nicht hervorgebracht hat); und wenn er sich dafür entscheidet, einen dieser Sachverhalte hervorzubringen, dann tritt dieser ein. Da Rückwärtsverursachung logisch unmöglich ist, kann eine allmächtige Person nicht die Vergangenheit verändern12 oder die Wahrheit logisch notwendiger Wahrheiten, zu denen, wie ich annehme, auch die grundlegenden moralischen Wahrheiten gehören.13 Die Entscheidungen einer allmächtigen Person können daher nur kontingente zukünftige Sachverhalte erwirken.

Eine Person P ist allwissend zu t (im naheliegendsten Sinne) gdw sie alle Propositionen weiß, die zu t wahr sind. Daß jemand vollkommen frei ist, habe ich so ausbuchstabiert, daß er keinen nicht-rationalen Wünschen ausgesetzt ist, die seine Wahl beeinflussen. Jeder Handelnde, der eine Wahl trifft, ist durch die Natur dieser Wahl beeinflußt, durch das, was zu ihr gehört, und mithin durch Überlegungen des Verstandes, durch das anscheinende Gutsein oder Schlechtsein der Handlung. Zu glauben, daß eine Handlung gut ist, gibt einem notwendigerweise, proportional zum angenommenen Wert, einen Wunsch, diese zu tun. Anscheinendes Gutsein motiviert, und was anscheinend besser ist, motiviert mehr. Vollkommenes Freisein schließt Wünsche aus, Handlungen zu tun, die anscheinend schlecht sind, sowie Wünsche, die stärker sind als es dem anscheinenden Wert der Handlung entspräche. Daher wird eine Person, die sowohl allwissend als auch vollkommen frei ist, in dem Grade zu einer Handlung motiviert, der ihrem tatsächlichen Gutsein entspricht. Da Gott vollkommen frei ist, wird er sich entschließen, das zu tun, was er für das Beste hält; da er allwissend ist (so daß er alle notwendigen Wahrheiten und alle Wahrheiten über Vergangenes weiß), wird er wahre Überzeugungen darüber haben, was das Beste ist; und da er allmächtig ist, wird er es erfolgreich tun. Daher wird er immer die beste Handlung tun, wo es eine gibt. Wenn es in einer Situation keine eine beste Handlung gibt (d.h. irgendeine unvereinbare Handlung ist gleich gut, oder es gibt eine unendliche Reihe unvereinbarer Handlungen, von denen jede weniger gut ist als das nächste Mitglied der Reihe), dann kann Gott nicht das Beste tun. Aber seine vollkommene Freiheit wird ihn so nah daran führen, wie die Natur des Guten es erlaubt; und das heißt: Wenn es mehrere gleichermaßen beste Handlungen gibt, dann wird er eine davon tun, und im Falle einer unendlichen Reihe, wird er eine gute (und keine schlechte) Handlung tun. Gott wird also so gut sein, wie es logisch möglich ist, und das können wir „vollkommen gut“ nennen.14 Es zeigt sich also, daß Gottes vollkommenes Freisein in meinem Sinne die Folge hat, daß er, wiewohl er Böses tun kann, nie die Wahl, Böses zu tun, ausüben wird. In einem anderen, vielleicht gleichermaßen natürlichen Sinne von „vollkommen frei“ wäre eine vollkommen freie Person eine, die jede logisch mögliche Wahl treffen könnte, einschließlich der Wahl, etwas Böses zu tun. Weshalb also mein Sinn von „vollkommen frei“ anstelle des anderen? Weil es ein einfacherer Sinn ist. „Vollkommen frei“ in meinem Sinne ist einfach die Abwesenheit bestimmter Eigenschaften, nämlich nicht-rationaler Wünsche; „vollkommen frei“ im anderen Sinne wäre eine komplizierter machende Eigenschaft Gottes, denn dazu gehörte Gottes Beeinflußtwerden durch nicht-rationale Wünsche, denn nur mit diesen ist es möglich, etwas Böses zu wählen. Deshalb bleibe ich bei meinem Sinne.

Häufig, ich würde sogar annehmen, in den meisten Situationen, wird es keine eine beste Handlung für Gott geben. Selbst wenn es keine bessere unvereinbare Handlungsmöglichkeit für Gott gab, wäre es sicherlich für Gott eine gleichermaßen beste Handlungen gewesen, den Planeten Uranus in dieselbe Richtung rotieren zu lassen wie die anderen Planeten (genauer gesagt, das Universum so anfangen zu lassen, daß es diese Rotation verursacht), wie ihn in die andere Richtung rotieren zu lassen. Und wie viele Planeten mit lebendigen Organismen Gott auch macht (in unserer oder einer entfernten Galaxie), es wäre besser, wenn er einen mehr machte. Und so weiter.

Doch diese Definitionen werfen ein Problem auf: Wiewohl es eine immerwährend allmächtige und vollkommen freie Person oder auch eine immerwährend allwissende Person geben könnte, ist immerwährende Allmacht verbunden mit vollkommener Freiheit unvereinbar mit immerwährendem Allwissen. Wenn es keine für seine Wahl relevanten rationalen Erwägungen und keine irrationalen, seine Wahl beeinflussenden Wünsche gibt, dann hat ein Gott, der vollkommen frei und allmächtig ist, die freie Wahl, welchen Sachverhalt er hervorbringt, bis zu der Zeit des Eintretens des betreffenden Sachverhaltes. Doch damit ist er frei zu wählen, jede frühere Überzeugung darüber, was er tun wird, falsch zu machen. Nur durch kosmischen glücklichen Zufall könnten alle Überzeugungen Gottes wahr sein, und durch glücklichen Zufall (siehe Fußnote 10) angeeignete Überzeugungen sind kein Wissen. Allmacht verbunden mit vollkommener Freiheit ist also unvereinbar mit im naheliegenden Sinne verstandenem Allwissen. Auf der anderen Seite ist eine begrenztere Art Allwissen, nämlich Wissen aller Wahrheiten über die Vergangenheit und aller notwendigen Wahrheiten (einschließlich der notwendigen moralischen Wahrheiten15), nicht nur vereinbar mit Allmacht verbunden mit vollkommener Freiheit, sondern es folgt aus dieser. Das liegt daran, daß es bezüglich jedes vergangenen Sachverhaltes oder jeder notwendigen Wahrheit zukünftige Sachverhalte gibt, die durch ihre Beziehung zu ihnen definiert werden können. Daraus folgt, daß Gott für die Fähigkeit, diese zukünftigen Sachverhalte hervorzubringen, Wissen über alle notwendigen Wahrheiten und alle Wahrheiten über Vergangenes benötigt. Zum Beispiel muß Gott, um zu wissen, daß er jetzt einen dritten Weltkrieg oder eine Zahl von Planeten, die eine Primzahl größer als 7 ist, hervorbringen kann, wissen, daß es bisher nur zwei Weltkriege gab und daß es eine Primzahl gibt, die größer als 7 ist. Da Allmacht Wissen moralischer Wahrheiten bedingt, bedingt Allmacht verbunden mit vollkommener Freiheit vollkommenes Gutsein; unbeschränktes Allwissen ist dafür nicht notwendig. Allmacht ist der einfachste Grad einer für eine Person notwendigen Eigenschaft, vollkommene Freiheit ist einfach die Abwesenheit bestimmter komplizierter Eigenschaften (kausale Wünsche), daraus ergibt sich ein riesiges Wissen einer einfachen Art, wenn auch nicht der einfachsten Art. („Einfach“, denn es ist das ganze Wissen, das einer vollkommen freien und allmächtigen Person möglich ist.) Auf der anderen Seite könnte eine Person, die allwissend im vollen, Wissen alle ihrer zukünftigen Handlungen einschließenden Sinne ist, nicht vollkommen frei sein. Ja sie könnte in keinem Grade frei sein. Alle ihre Handlungen in Situationen, in denen es keine eine beste Handlung für sie gibt, wären zu jedem Zeitpunkt davor kausal vorherbestimmt. Das hat die Folge, daß sie in jeder solchen Situation einem bestimmten nicht-rationalen Wunsch ausgesetzt wäre (der sie nicht nur beeinflußt, sondern sie festlegt), diese statt jener Handlung zu tun (wobei es keinen Grund dafür gibt, diese statt jener Handlung zu tun). Dadurch wäre Gott eine sehr komplizierte Person. Welches Verständnis von Allwissen macht also eine allmächtige Person zu einer Person der einfachsten Art? Die Antwort lautet eindeutig: die beschränkte Art von Allwissen16, die ihr auch erlaubt, vollkommen frei zu sein.

Die anderen Eigenschaften Gottes (auf naheliegende Weise verstanden) folgen aus den oben analysierten.17 Zum Beispiel, da Gott allmächtig ist, beginnt alles andere, das zu existieren beginnt, deshalb zu existieren, weil er es verursacht oder zuläßt; mithin ist er in einem naheliegenden Sinne Schöpfer von allem, was ist. Als allmächtiges Wesen kann er Dinge überall geschehen lassen und überall Dinge erkennen, ohne von vermittelnden Ursachen abzuhängen; so ist er in einem naheliegenden Sinne allgegenwärtig, so ist er nicht an einen Körper gebunden, und so ist er nicht physisch.

Gottes Allmacht ist eine Fähigkeit und damit eine intrinsische Eigenschaft. Gottes Allwissen (im beschränkten Sinne) ist keine Fähigkeit oder Disposition18, sondern ein kategorischer Zustand, der für Allmacht notwendig ist; und es mag scheinen, daß es nicht eine intrinsische Eigenschaft Gottes, sondern eine Beziehung zu anderen Gegenständen ist, denn zu ihm gehört der Besitz (das in sich Haben) bestimmter Gegenstände – aller wahren Überzeugungen. Wenn dies die richtige Auffassung von Allwissen wäre, dann wäre Gott natürlich nicht einfach. Alles hängt also davon ab, was das Haben einer Überzeugung ist; und es ist nicht, so halte ich dafür, das Haben eine Gegenstandes in sich. Vielmehr ist das Haben einer Überzeugung, daß p, eine intrinsische Eigenschaft, und zwar eine, die zu grundlegend ist, um definiert werden zu können. Doch wir können zeigen, wovon wir sprechen, wenn wir über S’ Überzeugung, daß p, sprechen, indem wir sagen, daß es die Art Sache ist, die S auf ein bestimmte Weise bekommen würde (z.B. indem S sieht, daß p, oder indem jemand S sagt, daß p) und die S’ Verhalten auf eine bestimmte Weise verändert (z.B. wenn es aus p folgt, daß man x bekommt, indem man A tut (und nicht B), und wenn es aus nicht-p folgt, daß man x bekommt, indem man B (und nicht A) tut, und S die Absicht hat, x zu bekommen, dann wird er A tun). Wir Menschen können Überzeugungen über Dinge haben, an die wir nicht denken. Ich habe Überzeugungen darüber, was ich tat, als ich jung war, an die ich nicht denke, aber sie sind insofern meine Überzeugungen, als ich sie bei einem Anlaß zu Bewußtsein bringen könnte. Es ist einfacher anzunehmen, daß alle Überzeugungen Gottes derzeit in seinem Sinn sind19; daß er sich derzeit aller seiner Überzeugungen bewußt ist, folgt aus meiner Auffassung seiner Allmacht, und dies sind die einzigen, die er nach meinem Dafürhalten hat. Überzeugungen müssen nicht in Worte gefaßt werden; Kinder haben Überzeugungen, bevor sie sie in Worte fassen können, und wenn sie sprechen lernen, berichten sie, daß sie diese Überzeugungen hatten. Deshalb meine ich, daß die beste Analogie für Gottes Überzeugungen die Überzeugungen sind, die wir erlangen, wenn wir eine Szene vor unseren Augen betrachten. Durch bloßes Betrachten erlangen wir unzählige Überzeugungen darüber, was für Gegenstände da sind, wo sie sind und wie sie aussehen. Wir sind uns dieser Überzeugungen bewußt, aber nicht als sprachliche Gegenstände und nicht als die Gehirnzustände, welche die Überzeugungen in uns kausal stützen. Die Überzeugungen sind in einem verschmolzenen vorsprachlichen Zustand, aus welchem wir, wenn wir es wählen, einzelne Überzeugungen heraustrennen und in Worte fassen können (z.B. „Da ist ein Baum vor dem Fenster“). Wir sehen Dinge und bekommen Überzeugungen über sie sowohl, wie sie jetzt sind, als auch (wenn wir die Sterne betrachten), wie sie vor tausenden von Jahren waren. Zum Sehen gehört das Kategorisieren: im Sehen eines Baumes habe ich nicht bloß einen durch einen Baum verursachten visuellen Eindruck, sondern ich sehe einen Gegenstand vor dem Fenster als einen Baum. Und dazu, einen Gegenstand so kategorisiert zu sehen, gehört unweigerlich das Sehen seiner Fähigkeiten – der Baum hat die Fähigkeit zu wachsen, Druck zu widerstehen usw. Gottes Überzeugungen sind auf diese Weise genau wie die Überzeugungen, derer wir uns bewußt sind, aber sie betreffen das ganze Universum und das Innere der Dinge ebenso wie ihr Äußeres. Er sieht Dinge, wie sie sind und wie sie waren. Während unsere Überzeugungen zu uns auf verschiedene kausale Wege kommen, ist es einfacher anzunehmen (wie es die traditionelle Vorstellung annimmt), daß Gottes Überzeugungen nur auf einem Weg zu ihm kommen, nämlich direkt. Also auch Gottes umfassenderer, verschmolzener, vorsprachlicher Zustand der Überzeugung ist ein innerer Zustand von ihm selbst. Er besteht nicht aus getrennten Überzeugungen innerhalb von ihm selbst, sondern er ist eine Eigenschaft von ihm selbst.

Gottes vollkommene Freiheit ist, um es noch einmal zu sagen, bloß die Abwesenheit der Eigenschaft, durch nicht-rationale Wünsche beeinflußt zu sein. Es ist einfacher anzunehmen, daß Gott die bisher untersuchten göttlichen Eigenschaften wesentlich hat; sonst wäre es ein riesiger Zufall, daß Gott alle Zeit weiterexistierte und diese Eigenschaften behielt. Ein gewöhnlicher Mensch hingegen, obwohl er einige Fähigkeiten usw. braucht, braucht nicht eine bestimmte Menge an Macht, um der bestimmte Mensch zu sein, der er ist. Und es ist einfacher anzunehmen, daß Gott keine Diesheit [thisness, haecceitas] hat, das wäre ein individualisierendes Moment zusätzlich zu seinen Eigenschaften. (Eine Substanz hat Diesheit gdw es an seiner Stelle eine andere Substanz mit all den gleichen Eigenschaften, intrinsische und relationale, wie sie geben könnte. Gott hätte keine Diesheit gdw es nicht anstatt des tatsächlichen Gottes einen anderen Gott mit all den gleichen Eigenschaften, d.h. mit den bisher untersuchten göttlichen Eigenschaften geben könnte.) Aber eine Person, die keine Diesheit hat und für die nicht bloß das Haben von Fähigkeiten (plus Freiheit), sondern das Haben einer bestimmten Menge an Fähigkeiten wesentlich dafür ist, daß sie die Person ist, die sie ist, ist eine ganz andere Person als die Personen, mit denen wir vertraut sind. Nennt man so eine „Person“ eine „Person“, verwendet man das Wort in einem etwas analogen Sinne, aber einem, der dem gewöhnlichen Sinne ähnlich genug ist, damit Gott als eine Person in einem weiteren Sinne zählen kann.

Meine Auffassung der Eigenschaften Gottes ist traditionell außer hinsichtlich meiner Annahme, daß Gott immerwährend statt zeitlos und daß er nur im beschränkten Sinne allwissend sei.20 Meine Argumente haben jedoch angenommen, daß es keine zeitlose Person geben kann, und behaupten zu zeigen, daß ein Gott der einfachsten Art nur im beschränkten Sinne allwissend wäre. Personen anderer Art als Gott haben geringere Grade an Macht und Wissen; ihre Absichten werden nicht nur durch ihre Überzeugungen darüber, was gut ist, sondern durch verschiedene Wünsche nach bestimmten Sachverhalten beeinflußt, deren Stärke nicht immer mit ihren Überzeugungen über das Gutsein dieser Sachverhalte abgestimmt ist. Andere Personen sind sehr bestimmte begrenzte Personen. Gott, definiert (so, wie ich es ausbuchstabiert habe) als eine wesentlich immerwährende, allmächtige, vollkommen freie Person ohne Diesheit ist eine sehr einfache Substanz, die einfachste Art von Person, deren Existenz die Existenz des Universums und seine sehr allgemeinen Merkmale erklären könnte. Daher ist die so konstruierte Hypothese des Theismus einfacher als jede Hypothese, welche die sehr allgemeinen Merkmale des Universums durch Bezug auf einen anders konstruierten Gott erklärt. Der Sinn, in dem meiner Behauptung nach Gott einfach ist, ist nicht genau der gleiche, in dem spätmittelalterliche Theologen behauptet haben, daß Gott einfach sei, aber er ist nicht weit von ihm entfernt, zumindest nach einer bekannten Auffassung davon, was dieser Sinn war.21

Die enorme Einfachheit und mithin Ausgangswahrscheinlichkeit von Hypothesen, die All-Eigenschaften [Allmacht, Allwissen] annehmen, wird durch ein einfaches naturwissenschaftliches Beispiel veranschaulicht. Newtons Theorie der Gravitation enthielt drei Bewegungsgesetze (die letztlich zu einem großen Teil Definitionen sind) und das Gravitationsgesetz, welches über jeden Körper sagt, daß er die Fähigkeit hat, jeden anderen Körper im Universum anzuziehen mit einer Kraft, die proportional zu mmr2′ ist, und der Disposition, diese Fähigkeit immer auszuüben – woraus folgt, daß jeder Körper auch die Disposition hat, durch jeden Körper mit dieser Kraft angezogen zu werden. Diese umfassenden Fähigkeiten und Dispositionen haben auch die winzigsten Elementarteilchen. Die Fähigkeit eines solchen Teilchens erstreckt sich über physische Gegenstände bis an die Enden des Universums, und das deckt einen beträchtlichen Bereich der Ausdehnung der Macht Gottes ab, wenn jene auch in ihrer Stärke in keiner Weise mit dieser vergleichbar ist; und die Empfindlichkeit eines Teilchens gegenüber anderen physischen Gegenstände, die wir mit Gottes Wissen über diese vergleichen können, erstreckt sich auch über einen beträchtlichen Bereich dessen, worüber Gott Wissen hat. Wenn es keine Quantenindeterminiertheit gäbe und wir Messungen mit unendlicher Genauigkeit machen könnten, könnte uns das bloße Messen der Bewegungen eines einzigen Teilchens eine gewaltige Menge über die Verteilung fester Körper im Universum sagen; und Messungen an mehreren Teilchen könnten uns alles darüber sagen (die kontingente Wahrheit von Newtons Theorie vorausgesetzt). Die beträchtliche Wahrscheinlichkeit von Newtons Theorie aufgrund der im Jahr 1689 verfügbaren Indizien, welche viel größer ist als die Wahrscheinlichkeit der unendlich vielen konkurrierenden Theorien, welche hätten postuliert werden können und welche die Indizien ebenso gut vorhergesagt hätten, stammt von der enormen Einfachheit seiner All-Eigenschaften, welche beträchtliche Ähnlichkeit mit den All-Eigenschaften haben, die der Theismus Gott zuschreibt.

6 Die einfachste unbelebte Erklärung des Universums ist weniger einfach als Gott

Könnte es einen physischen Gegenstand geben, der ebenso einfach wie Gott ist (aufgefaßt wie oben beschrieben) und der eine unbelebte Erklärung der Existenz des Universums mit den oben beschriebenen sehr allgemeinen Merkmalen bietet? Die normale Art einer von Physikern angenommenen „ersten Substanz“ ist eine ausgedehnte Substanz – ein „Vakuumzustand“ oder ein sehr komprimiertes Stück Masse-Energie. Aber so ein Zustand hat Teile und ist damit weniger einfach als Gott. Aber die physikalische Kosmologie könnte eine unausgedehnte Substanz postulieren, ein Teilchen, als das, von dem ausgehend sich alles entwickelt hat (oder, wenn das Universum keinen Anfang hatte, von dem alles andere abhing). Es müßte ein physischer Gegenstand einer bestimmten Art sein, indem es bestimmte Eigenschaften, Fähigkeiten und Dispositionen hat. Die normale Art physische Substanz hätte Fähigkeiten bestimmter mathematischer Größe (wie die anziehenden und abstoßenden Kräfte von Masse und Ladung) und Dispositionen, diese unter bestimmten physischen Bedingungen auszuüben. Diese müßten recht spezielle Fähigkeiten und Dispositionen sein (z.B. mathematisch genau definierte Masse und Ladung), wenn sie es wahrscheinlich machen sollten, daß dieses Teilchen ein Universum hervorbringen würde, das zu wenigen Arten gehörende Substanzen mit jeweils den gleichen einfachen Fähigkeiten und Dispositionen enthält und das der Art ist, daß es menschliche Körper hervorbringt; und dieses Speziellsein machte die Hypothese der Existenz einer solchen Substanz komplizierter als die Hypothese des Theismus. In die Singularität des Urknalls müßten alle oder zumindest (unter der Annahme einer gewissen Menge an Indeterminismus) die meisten Einzelheiten der zukünftigen Entwicklung des Universums eingebaut sein.

Aber könnten wir nicht statt dessen bloß annehmen, daß dieser physische Gegenstand die Fähigkeit hatte, ein gutes Universum hervorzubringen, sowie die Disposition, diese Fähigkeit immer auszuüben, und dies erklärte, weshalb wir existieren (weil die Existenz von Menschen etwas Gutes ist), sowie die anderen allgemeinen Merkmale unseres Universums (deren Einzelheiten nicht vorherbestimmt waren, sondern die eine der Möglichkeiten darstellen, wie das Universum gut wäre)? Die Fähigkeit könnte durch das Hervorbringen eines Urknall geeigneter Art ausgeübt werden. Wenn wir meine obige Behauptung voraussetzen, daß Naturgesetze durch Fähigkeiten und Dispositionen zu analysieren sind, ist dies die am nähesten an John Leslies (1979) Hypothese, daß das Gutsein eine Neigung zur Existenz hat, herankommenste Auffassung.

Doch selbst wenn so ein physischer Gegenstand diese erklärende Kraft hätte, wäre er nicht annähernd so einfach wie Gott. Wie Gott könnte er wesentlich unausgedehnt, immerwährend und ohne Diesheit sein. Die Fähigkeit des physischen Gegenstandes, das Gute zu erschaffen, wäre jedoch eine begrenzte Fähigkeit und damit weniger einfach als Allmacht (welche nur von einem Wesen besessen werden kann, welches wählen kann zu handeln). Und er bräuchte auch eine weitere Fähigkeit, die Fähigkeit, jede andere Substanz daran zu hindern, das Schlechte hervorzubringen, und die Disposition, diese Fähigkeit immer auszuüben. Der Theismus benötigt keine entsprechende zweite Fähigkeit und Disposition, denn es folgt aus der Allmacht Gottes (verbunden mit vollkommener Freiheit), daß jede andere Substanz nur existiert und wirkt, insofern Gott dies erlaubt. Die Dispositionen, diese Fähigkeiten immer auszuüben, wären Eigenschaften des physischen Gegenstandes zusätzlich zu den Fähigkeiten. Da er ein physischer Gegenstand ist, könnte er zudem nicht einfach diese Dispositionen haben. Ein physischer Gegenstand (außer es ist der einzige physische Gegenstand) muß einen Aufenthaltsort haben – es muß ein Wo geben, wo er ist (im Bezug zu anderen physischen Gegenständen), und das heißt, daß es wahrnehmbare Wirkungen von ihm an einem Ort geben muß, die woanders nicht meßbar sind. (Wenn ein physisches Ding hier und nicht dort ist, dann ist es hier und nicht dort, wo es die Bewegung anderer Gegenstände behindert, mit einem Geigerzähler aufgespürt werden kann, von wo es Licht ausstrahlt oder was auch immer.) Wenn die erste physische Substanz also immerwährend wäre und damit neben anderen physischen Gegenstände existierte, dann müßte sich ihre Disposition, Wirkungen hervorzubringen, an einem Ort mehr oder anders zeigen als an anderen, und dies machte diese Eigenschaft keine sehr einfache Eigenschaft. (Wenn sie jedoch nach der Erschaffung des physischen Universums zu existieren aufhörte und damit nicht neben anderen physischen Gegenständen existierte, dann wäre sie nicht immerwährend und wäre dadurch aus einem anderen Grund weniger einfach als Gott.) Die Eigenschaften eines ersten physischen Gegenstandes (zusätzlich zu den Eigenschaften des Immerwährendseins, des Unausgedehntseins und des Ohne-Diesheit-Seins, die Gott auch hat) machten ihn bei weitem nicht sehr einfach. Zusätzlich zu den Eigenschaften, die Gott und einer ersten physischen Substanz gemeinsam wären, wäre Gott bloß allmächtig und vollkommen frei, doch dies letztere ist, wie wir gesehen haben, einfach die Abwesenheit von etwas – und Abwesenheit ist immer einfacher als Anwesenheit. Ich komme zu dem Schluß, daß die Fähigkeiten und Dispositionen, welche wir der Ein-Partikel-Hypothese zuschreiben müßten (die einfachste Art von unbelebter Erklärung der Ordnung des Universums), weniger einfach als die Eigenschaften Gottes wären – wesentlich immerwährende Allmacht (verbunden mit vollkommener Freiheit), aus der alle anderen Eigenschaften folgen. Die Hypothese des Theismus bietet also eine einfachere Erklärung der sehr allgemeinen Merkmale des Universums als jede unbelebte Erklärung. Und der Hauptgrund dafür ist, daß moralische Überzeugungen motivieren; deshalb benötigt ein bewußtes Wesen weniger an Eigenschaften als ein unbelebtes Wesen, um die selben Wirkungen zu verursachen.

Und sogar wenn die Hypothese einer physischen ersten Substanz genauso einfach wäre wie die Hypothese Gottes, könnte ihre Neigung, das Gute zu erschaffen, nicht bestimmte speziellere Merkmale unseres Universums erklären, die nur dann gut wären, wenn sie von Gott hervorgebracht wurden. Eine riesige Anzahl religiöser Erfahrungen, die Gotteserfahrungen zu sein scheinen, wären nicht gut, außer es gibt einen Gott. Interaktives Gebet wäre eine Täuschung. Und unser Universum enthält so viel Leid, daß es wahrscheinlich nur dann ein insgesamt gutes Universum wäre, wenn sein Schöpfer mit seinen Geschöpfen litt;22 und das ist etwas, was nur eine Person tun kann. Ich komme aus zwei verschiedenen Gründen zu dem Schluß, daß Gott (wenn er wie dargelegt aufgefaßt wird) die einfachste Art von Ursache unseres Universums ist, die es geben könnte.

Literaturverzeichnis

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*Dieser Aufsatz erscheint auf englisch im European Journal for Philosophy of Religion 2 (2010), 1–24, und in Philosophical Essays on Religion, Hg. A. O’Hear, Cambridge University Press (im Auftrag des Royal Institute of Philosophy). Die Übersetzung ins Deutsche wurde von Herrn Daniel von Wachter angefertigt. Der vorliegende deutsche Text steht unter einer Creative-Commons-Namensnennungslizenz. Erscheinungsdatum 31.12.2010.

**Professor Richard Swinburne, University of Oxford, Oriel College, Oxford, OX1 4EW, Großbritannien.

1Der vorliegende Aufsatz stützt sich auf viele meiner früheren Schriften, insbesondere (1994, Kap. 6 und 7), (2001, Kap. 4) und (2009a). Letzteres war eine Antwort auf (Gwiazda 2009). Ich bin Jeremy Gwiazda dankbar, dessen Kritik an meinen früheren Auffassungen mir half, die in dem vorliegenden Aufsatz vorgestellte Auffassung zu entwickeln.

2Siehe z. B. (Swinburne 2004, Kap. 3 und 5).

3Siehe (Armstrong 1983), (Tooley 1977) und (Dretske 1977). Armstrong faßt Universalien aristotelisch auf (d. h. es gibt keine nicht-instantiierten Universalien). Doch das erklärt nicht, weshalb ihr erstes Vorkommen die Beschaffenheit hatte, die es hatte, z. B. weshalb sich das erste Eisenstück bei Erwärmung ausdehnte. Das ließe sich nur dann erklären, wenn die Universalien schon miteinander verknüpft waren, und dazu müßten sie schon vor ihrem Instantiiertwerden und also in einem „platonischen Himmel“ existieren. Dies ist Tooleys These, und es ist seine Auffassung, welcher ich bei der Darstellung der BZU-Theorie gefolgt bin.

4Weitere Argumente für die SFD-Auffassung finden sich in (Swinburne 2006, S. 179–185).

5Eine vollständigere Darlegung dieser Kriterien, die aber nicht die verschiedenen Rollen unterscheidet, die einige von ihnen nach der BZU- und der SFD-Theorie der Naturgesetze spielen, bietet (Swinburne 2001, Kap. 4).

6Aber könnte es nicht ein Wesen geben, welches Dinge als „glau“ erkennte, ohne sich dabei auf ihre Farbe und auf das Datum zu beziehen? Sicherlich könnte es ein Wesen geben, welches dieselben Dinge zusammen klassifizierte (kraft ihrer Ähnlichkeit zu Musterbeispielen), die wir (weil sie die genannte Definition erfüllen) „glau“ nennten. Aber es würde damit eine andere Eigenschaft („glau*“) herausgreifen; eine, die – soweit seine Erfahrung reicht – zusammen mit „glau“ instantiiert wurde.

7Siehe The Existence of God (Swinburne 2004), Kap. 6–13, und das kürzere und einfachere Buch Gibt es einen Gott? (Swinburne 1996), Kap. 4–7.

8Eine einfache Hypothese ist nicht dadurch weniger einfach, daß sie komplizierte Folgen hat. Das Christentum behauptet, daß Gott, der Vater, unausweichlich kraft seines Wesens die anderen beiden Glieder der Dreifaltigkeit hervorbringt, so daß die drei zusammen einen Gott bilden. (Für ein Argument zur Rechtfertigung dieser christlichen Behauptung siehe The Christian God (Swinburne 1994), bes. Kap. 8.) Doch Argumente für die Existenz dieses einen Gottes müssen auf Argumenten für die Existenz einer Person, von der alles andere abhängt, aufbauen, und somit auf Argumenten für die Existenz Gottes, des Vaters, dessen behauptete Eigenschaften die gleichen sind wie die, welche der Islam oder das Judentum Gott zuschreibt.

9Ein Argument zur Verteidigung dieser Behauptung findet sich in (Swinburne 1993, S. 223–229) und (Swinburne 1994, Kap. 4 und S. 137–144).

10Es wird besteht weitgehende Übereinstimmung darüber, daß Wissen wahre Überzeugung ist, welche nicht durch glücklichen Zufall gewonnen wurde, doch es gibt verschiedene Ansichten darüber, was „nicht durch glücklichen Zufall gewonnen“ bedeutet. Ich werde unten darlegen, daß alle Eigenschaften Gottes, welche ich untersucht habe, Gott wesentlich und mithin nicht durch Zufall zukommen. Daher stellen Gottes wahre Überzeugungen Wissen dar. Es wird die vorliegende Untersuchung vereinfachen, wenn ich dies schon als gegeben annehme.

11Philosophen haben es immer sehr schwer gefunden, einen intuitiv einfachen Begriff der Allmacht (maximale logisch mögliche Macht) unter Vermeidung verschiedener Paradoxa zu analysieren. Für die Geschichte der Analyseversuche des Begriffs der Allmacht siehe (Leftow 2009). Ich hoffe, daß meine Analyse all solche Paradoxa vermeidet, aber wenn nicht, dann ist es ein einfacher Begriff, welcher offenlegt, was für Ergänzungen nötig sind, um Paradoxa zu vermeiden.

12Das heißt, er kann nicht „harte Tatsachen“ über die Vergangenheit verändern.

13Meine Gründe für diese Annahme finden sich z. B. in (Swinburne 2009b, S. 151–155).

14William Rowe (und andere) hat argumentiert, daß Gott nur dann „vollkommen gut“ sein kann, wenn Gott immer eine Handlung tut, die besser als jede unvereinbare Handlung ist, und daß es deshalb keinen Gott traditioneller Art geben kann. Siehe (Rowe 2006). Wie viele andere auch finde ich diese Ansicht sehr unplausibel.

15Kontingente moralische Wahrheiten sind solche, die durch eine Konjunktion einer notwendigen moralischen Wahrheit und einer kontingenten nicht-moralischen Wahrheit wahrgemacht werden. Zum Beispiel wäre es kontingenterweise wahr, daß ich Ihnen 20 Mark zahlen sollte, wenn folgendes gilt: Ich habe Ihnen versprochen, 20 Mark zu zahlen (kontingente nicht-moralische Wahrheit), und man soll immer seine Versprechen halten (notwendige moralische Wahrheit). Die kontingenten nicht-moralischen Wahrheiten, die, zusammen mit notwendigen moralischen Wahrheiten, kontingente moralische Wahrheiten erschaffen, sind normalerweise Wahrheiten über die Vergangenheit – Wahrheiten über vergangene Versprechen oder Wahrheiten darüber, was für zukünftige Ereignisse durch vergangene Indizien wahrscheinlich gemacht werden. Daher wüßte ein Wesen, das alle Wahrheiten über die Vergangenheit und alle notwendigen Wahrheiten weiß, normalerweise alle moralischen Wahrheiten darüber, was für ihn jetzt zu tun gut wäre. Doch wenn, ob eine Handlung, die einem solchen Wesen, das auch allmächtig und vollkommen frei (in meinem Sinne) ist, zur Wahl steht, jetzt gut ist, davon abhängt, was noch geschehen wird (und nicht nur davon, was für zukünftige Ereignisse durch die gegenwärtigen Indizien wahrscheinlich gemacht werden), dann würde so ein Wesen die Zukunft vorherbestimmen, um sich zu ermöglichen zu tun, was jetzt gut ist. Daher ist für Gottes vollkommenes Gutsein nur die Art Allwissen notwendig, die aus Allmacht folgt.

16Gründlicher untersucht wird dies in (Swinburne 1994, S. 150–151).

17In meiner Herleitung dieser Einschränkung folge ich der Konvention, eine Überzeugung über etwas Zukünftiges jetzt wahr zu nennen gdw sie in der Zukunft wahr sein wird, auch wenn ihre Wahrheit jetzt noch nicht unausweichlich ist. Dieser Konvention folgen wir nicht immer, denn wir reden manchmal davon, daß eine Überzeugung „noch nicht“ wahr sei. Wenn wir eine Überzeugung, deren Wahrheit oder Falschheit noch nicht unausweichlich ist, jetzt nicht entweder wahr oder falsch nennen, dann kann Gottes Allwissen einfach als das Haben aller wahren Überzeugungen konstruiert werden. Ich glaube nicht, daß die Auffassung, daß nur Überzeugungen einen Wahrheitswert haben, deren Wahrheitswert unausweichlich ist, weniger einfach als die normale Konvention ist.

18So schreibt Thomas von Aquin: „Wissen in Gott ist nicht … eine Disposition (habitus)“, Summa Theologiae Ia.14.ad 1.

19So schreibt Thomas von Aquin: „[Gott] sieht alles auf einmal und nicht nacheinander“, Summa Theologiae Ia.14.7.

20Daß Gott zeitlos sei, war die herrschende theologische Auffassung mindestens seit dem vierten Jahrhundert. Doch m. E. faßten die biblischen Autoren Gott als immerwährend auf, und Gottes Ewigkeit war nie Gegenstand einer Dogmatisierung. Nelson Pikes bekanntes Buch God and Timelessness (1970) schloß mit der Bemerkung, daß er „keine Grundlage für [die Lehre der Zeitlosigkeit Gottes] in biblischen Texten oder in den Bekenntnisschriften der katholischen oder evangelischen Kirchen“ finden konnte. Und es ist sogar bestreitbar, daß sich alle westlichen Theologen des Hochmittelalters auf eine eindeutige Lehre der Zeitlosigkeit Gottes festgelegt hätten – siehe (Fox 2006). Was das Allwissen betrifft, obwohl es einige Bibelstellen gibt, welche – wenn man sie im naheliegenden Sinne liest – implizieren, daß Gott nicht unfehlbar weiß, was Gott oder Menschen tun werden (z. B. 1. Mose 6,6, Jona 3,10 und Offenbarung 3,5, wo impliziert wird, daß Gott ändern kann, was im Buch des Lebens geschrieben ist), implizieren die meisten Bibeltexte, daß Gott im naheliegenderen Sinne allwissend sei; und die große Mehrheit nachfolgender christlicher Tradition nahm diese Auffassung an. Doch die Angelegenheit war nie der Gegenstand einer Festlegung, welche für die Orthodoxie verbindlich wäre, oder einer Festlegung, welche von Katholiken als unfehlbar angesehen werden könnte, außer der Aussage des Ersten Vatikanischen Konzils: „Alles liegt ja enthüllt und offen vor seinen Augen [Hebr. 4,13] selbst das, was aus freier Willenstat der Geschöpfe in der Zukunft entspringen wird.“ (Siehe Tanner 1990, S. 806) [„Dei filius“ (1870), § 10] Doch das Konzil sprach kein Anathema gegen die aus, die eine andere Auffassung vertreten, und (soweit ich sehen kann) diese Auffassung wird nicht im Katechismus der katholischen Kirche von 1992 erwähnt, der das Ziel hat, „eine organische Synthese der wesentlichen und grundlegenden Inhalte der katholischen Glaubens- und Sittenlehre“ (§ 11) darzustellen.

21Diese bekannte Auffassung, die vielleicht nur den spätmittelalterlichen Autoren zugeschrieben werden kann, wird beschrieben in (Swinburne 1994, Kap. 7). Für diese Denker bestand Gottes Einfachheit darin, daß er keine Teile hat und daß alle seine wesentlichen Eigenschaften miteinander und mit Gott identisch sind. Ich behaupte, daß Gott keine Teile hat und daß (da er keine Diesheit hat) er in jedem Falle der Gegenstand ist, der seine wesentlichen Eigenschaften instantiiert. Ich behaupte, daß Gott nur eine wesentliche Eigenschaft hat – immerwährende Allmacht – verbunden mit der Abwesenheit einer Eigenschaft. Eine recht andere Auffassung von Augustinus’ Lehre der Einfachheit Gottes findet sich in (Leftow 2006).

22Mein Buch The Resurrection of God Incarnate (Swinburne 2003, S. 44–45) beschreibt die Pflicht eines Schöpfers, das Leid derer, die er um eines großen Gutes Willen leiden läßt, zu teilen. Ein Gutes hervorbringender physischer Gegenstand müßte eine Welt mit weniger Leid hervorbringen als ein guter Gott, der bereit ist, dieses Leid mit Geschöpfen zu teilen, die er um eines großen Gutes Willen leiden läßt.