Nachruf auf Jonathan Lowe

Wir trauern um Professor Jonathan Lowe, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von LOGOS, der am 5. Januar 2014 nach mehrmonatiger Krankheit im Alter von 63 Jahren starb. Lowe wurde am 24. März 1950 in Dover, England geboren. An der Universität Cambridge studierte er zunächst Naturwissenschaften, wechselte dann aber zur Geschichte. Nach dem BA-Abschluß 1971 erwarb er an der Universität Oxford unter Rom Harré 1974 den B.Phil. in Philosophie und unter Simon Blackburn 1975 den Doktorgrad D.Phil. Nach einer kurzen Lehrtätigkeit an der Universität Reading trat er ins Institut für Philosophie der Universität Durham ein, wo er 1995 eine Professur erhielt.

Seine überaus große Schaffenskraft brachte elf Monografien und 200 Artikel in den renommiertesten angelsächsischen Fachzeitschriften hervor, vor allem in den Gebieten Metaphysik, Philosophie des Geistes und philosophische Logik. Die Titel seiner Monografien geben einen Eindruck der Breite seiner Forschung: Kinds of Being: A Study of Individuation, Identity and the Logic of Sortal Terms (1989), Locke on Human Understanding (1995), Subjects of Experience (1996), The Possibility of Metaphysics (1998), An Introduction to the Philosophy of Mind (2000), A Survey of Metaphysics (2002), Locke (2005), The Four-Category Ontology: A Metaphysical Foundation for Natural Science (2006), Personal Agency (2006), More Kinds of Being: A Further Study of Individuation, Identity, and the Logic of Sortal Terms (2009), Forms of Thought: A Study in Philosophical Logic (2013).

Lowe vertritt einen realistischen Ansatz und kritisiert Versuche, Metaphysik durch Untersuchung von Sprache zu betreiben oder zu ersetzen. Wie er in seinem grundlegenden, in dieser Zeitschrift auf deutsch erschienenen Aufsatz „Die Möglichkeit der Metaphysik“ darlegt, versteht er unter Metaphysik „das systematische Studium der grundlegendsten Struktur der Wirklichkeit“. In der Philosophie des Geistes vertritt er eine nicht-materialistische Position.

Ein persönlicher Nachruf: Ich begegnete Jonathan Lowe das erste Mal im Februar 1994 auf der 3. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie in Salzburg. Ich war Anfänger, gerade erst im zweiten Jahr meines Philosophiestudiums. Diese Tagung trug wesentlich dazu bei, daß ich eine wissenschaftliche Laufbahn ins Auge faßte, denn die meist angelsächsischen Redner (u.a. Swinburne, Armstrong, Simons, Mulligan, Smith) erforschten metaphysische Fragen so lebendig, gründlich und argumentativ, wie ich es bis dahin nur erträumt hatte. Sie bot mir angesichts der in der deutschsprachigen Philosophie noch vorherrschenden Beschränkung auf Doxographie und Philosophiegeschichte einen Lichtblick. Lowes Vortrag begeisterte mich, weil er uns das Projekt der Metaphysik so klar vor Augen stellte und insbesondere zwei Ansätze kritisierte: Erstens kritisierte er Versuche, die Metaphysik durch Untersuchung der Sprache zu betreiben oder zu ersetzen. Zweitens bezeichnete er die Idee absoluter Gewißheit als eine „Mißgeburt“. Damit brachte er für mich etwas auf den Punkt, worüber ich davor schon nachgedacht hatte. Der Gedanke, daß eine menschliche Überzeugung absolut gewiß ist, ist absurd, denn der Gegenstand der Überzeugung ist unabhängig von der Überzeugung, also besteht die Möglichkeit, daß die Überzeugung falsch ist. Insbesondere bei Thesen der Metaphysik ist offensichtlich, daß sie von unabhängigen Gegenständen handeln und fehlbar sind. Wenn man nun, wie Kant und andere, von apodiktischer Gewißheit in der Metaphysik träumt, wird man entweder zu dem Ergebnis kommen, daß die Metaphysik „unmöglich“ sei oder daß ihre Gegenstände nicht vom Menschen unabhängig existierten. Träumt man nicht von apodiktischer Gewißheit lösen sich das Problem der Möglichkeit der Metaphysik und auch etliche andere traditionelle Probleme der Erkenntnistheorie, über die ich mich als Student gewundert hatte, auf. Jedenfalls hatte mich Lowes Vortrag aufgewühlt und begeistert. Er gab mir einige weiterführende Hinweise, ermutigte mich freundlich und gab mir sein Manuskript, das ich sorgfältig aufgehoben habe. Einmal habe ich später Jonathan Lowe als Prüfer erleben können: bei der Verteidigung meiner Doktorarbeit an der Universität Oxford 2003. Ein leichter Ritt waren diese eineinhalb Stunden nicht, sondern eine gründliche und professionelle philosophische Disputation, die keinen Einwand unerwähnt ließ und an der man sehen konnte, daß anders als an den deutschen Universitäten an den alten britischen Universitäten die mittelalterliche Kunst wissenschaftlicher Diskussion behalten und weiterentwickelt wurde.

Lowe war von jener zurückhaltenden feinen Art, die uns an Engländern manchmal auffällt. In seinen Vorträgen, die auch häufig Tagungen in Deutschland und Österreich bereicherten, spürte der Zuhörer stets, daß Lowe wirklich ernst und gründlich die Wahrheit herauszufinden bestrebt war. Er trug seine Thesen und Argumente denkbar klar vor, Einwände bedachte er stets sorgfältig und antwortete freundlich. Die manchmal in der angelsächsischen Philosophie zu beobachtende überflüssige Komplizierung und Formalisierung, sei es zum Angeben, sei es aus Mangel an Tiefgang, war ihm fremd. Von philosophischen Moden war er so unabhängig wie wenige. Es war ihm ein besonderes Anliegen, verbreitete Annahmen und Thesen anzugreifen. In vielen Bereichen seiner Forschung kam er zu unpopulären (oft aristotelischen) Schlußfolgerungen, doch seine Aufsätze waren so professionell, daß sie in den anerkanntesten Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

Jonathan Lowe war ein echter Philosoph und ein wunderbarer Mensch. Wohl auf einer Tagung im September 2011 in Polen traf ich ihn zum letzten Mal. Am 17. April 2013 schrieb er mir: „It's great to have you back in Europe, Daniel, and I too hope that we can meet up again sometime soon.“

Am 27. Juli 2014 wird ein Gedenkgottesdienst und anschließend eine Tagung zu Jonathan Lowes Werk stattfinden. Weitere Seiten über Jonathan Lowe: Schriftenverzeichnis, Profile on PhilPapers.org, department web page, Nachruf des Departments, Nachruf von David Oderberg, Nachruf von Tuomas Tahko.

Fürstentum Liechtenstein, im März 2014, Daniel von Wachter



ISSN: 1869-3423